Der lange Weg der Zerstörung – Die Seesener Synagoge im Nationalsozialismus

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Der lange Weg der Zerstörung – Die Seesener Synagoge im Nationalsozialismus

Der Freundeskreis Städtisches Museum Seesen hatte zu einem historischen Vortrag eingeladen: Dr. Joachim Frassl, seit über einem Jahrzehnt Fachmann in Sachen Jacobson-Schule und Synagoge, stellte neue Erkenntnisse über den „langen Weg der Zerstörung des Jacobstempels“ einem interessierten und neugierigen Publikum vor.

Mehr als 60 Besucher waren der Einladung am Donnerstagabend in das Museum gefolgt und füllten den Eingangsbereich bis auf den letzten Platz. Die 1. Vorsitzende des Freundeskreises Renata Jahns begrüßte die Anwesenden und schuf die Überleitung zum Vortrag.

Joachim Frassl hat in den vergangenen Jahren die Architektur des israelitischen Tempels und ihrer Orgel en détail rekonstruiert, den Sinn der Bauformen gedeutet und viele historischen Aspekte erfasst, auch den Weg der Zerstörung. Aber erst 75 Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938 liegen dem Autor bis vor kurzem noch unbekannte Akten und Quellen – unter anderen auch aus Privatbesitz – vor, sodass er im Museum sagen konnte, jetzt endlich einen Schlussstrich unter die jahrelangen Forschungen ziehen zu können.

Frassl beweist: Die Zerstörung des Jacobstempels zieht sich seit 1934 bis zur Pogromnacht von 1938 hin. Steinwürfe, Beschädigungen und Demolierungen innen und außen, Einbrüche, Farbschmierereien, Beschädigungen der Orgel lieferten letztendlich die „Argumente“, dass das Gandersheimer Bauamt zwei Wochen vor dem 9. November 1938 der Jacobson-Stiftung die Abrissverfügung zukommen ließt. In der Pogromnacht brannte nach dem Abbau der Inneneinrichtung nur noch die architektonische Hülle. Die letzte Enteignung des Tempelgrundstücks, mitten auf dem Schulhof der in nationalsozialistischem Geiste geführten Oberrealschule in Seesen, fand 1944 vor Gericht statt. Aus einer ehemals jüdischen Stiftungsschule war inzwischen eine „Deutsche Heimschule“ geworden.

Frassl liest aus den Schulakten jener Jahre und zeigt auf: Es sind die Briefe des Schulleiters Adolf Gerade, die am stärksten ideologielastig sind: Der Tempel sei ein „Fremdkörper“, ein „wesensfremdes Bauwerk“, ein „Überbleibsel aus verklungenen Zeiten“, das „den Lebenswirklichkeiten der Gegenwart“ und dem gesunden „Volksempfinden“, „den heutigen Grundanschauungen des Deutschen Volkes“ zuwider sei. Gerade sieht den „Judentempel als Teil eines besonders ärgerlichen Reliktes einer überwundenen Epoche“, das „uns Platz und Sonne raubt“, nicht nur räumlich, sondern auch geistig-seelisch als „Zeichen der jüdisch-rationalistischen Geisteshaltung“. Geschichts- und Deutschlehrer Gerade weiß die NS-Sprache zielsicher einzusetzen.

Über „Die Zerstörung des Tempels“ kann man in allen Einzelheiten im Braunschweigischen Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 94, 2013 noch mehr lesen. Das Buch kann über den Braunschweigischen Geschichtsverein, Forstweg 2, 38302 Wolfenbüttel für 24 Euro bezogen werden.

Fähigkeiten

Gepostet am

Mai 18, 2014

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